Vorwort: Dieser Text entstand im Jahr 2002, als mich 2 Schülerinnen aus Norddeutschland, die im Rahmen des Kunstunterrichts ein Referat über Digitale Kunst
halten sollten, um Hilfe baten. Das vollständige Interview finden Sie hier: Interview mit 2 Schülerinnen
Was ist überhaupt Digitale Kunst? Bilder und Text: Karin Kuhlmann
Die digitale Kunst ist eine sehr junge Form der Kunst, die man bisher fast ausschließlich im Internet findet. Mit dem Erwerb der ersten PCs in den 80/90ern (ergänzt durch entsprechende Grafiksoftware die malen und
gestalten mit dem Computer erst möglich machte), begannen auch die ersten Versuche, den Computer als künstlerisches Medium zu nutzen. Und da Kunst auch
immer eine Bühne der Darstellung sucht, wurde das Internet zur Plattform der digitalen Kunst. Sehr schnell entstand hier eine Subkultur, jenseits der üblichen
Kunstkanäle. Die Vielfalt und die Qualität der Arbeiten zeigt eine sehr große Bandbreite und es gibt in diesem Zusammenhang sehr viele verschiedene Begriffe,
z.B. computergenerierte Kunst, Computerkunst, Computergrafik, Cyberkunst, etc., die als Synonyme für Digitale Kunst verwendet werden.
Die Künstler selbst sind dazu übergegangen, ihre Arbeiten nach der Software zu
benennen, mit der sie hauptsächlich arbeiten. Ähnlich wie beim Holzschnitt, dem Aquarell oder der Lithografie, gibt es in der digitalen Kunst Photopaintings,
3D-Bilder, Vektorgrafik, Mathematische Kunst und Mixed Media.
Photopaintings entstehen immer mit Foto-Bearbeitungsprogrammen, z.B. Photoshop
von Adobe, Photopaint von Corel, Painter von Metacreations/Corel, etc. Die Basis der Bilder ist zumeist ein Foto oder auch eine eingescannte Skizze. Durch digitale Manipulation, Filterungsprozesse und Malerei
wird das Bild bearbeitet und über viele Stufen hinweg in eine völlig neue Form transformiert.
Bei 3D-Bildern verwendet der Künstler ein oder mehrere 3D-Programm(e), z.B. Bryce, Dream 3D, Poser, Raydream, etc., die es ermöglichen
fotorealistische Szenen zu erstellen, zu beleuchten und zu "fotografieren", d.h. am Schluss jeder Arbeit steht der Renderprozeß, der den 3-dimensionalen Raum in ein 2-dimensionales Bild umrechnet.
Vektorgrafiken ermöglichen das Zeichnen mit sog. Bezier-Kurven. Im Gegensatz zu den eher malerischen Photopaintings (Bitmaps) entstehen hier völlig pixelfreie
Striche und Flächen. Vektorgrafiken werden hauptsächlich für grafisch-gestalterische Arbeiten wie Schriftgestaltung, Illustration, Animation und Comics verwendet.
Die mathematische Kunst (auch algorithmische Kunst) ist die reinste Form der digitalen Kunst, denn ohne Computer
wäre sie nicht möglich. Der Künstler verwendet komplexe mathematische Formeln um damit dynamische Formen, wie z.B. Fraktale, zu generieren die er dann coloriert und digital bearbeitet.
Mixed Media bezeichnet die Verwendung von mehreren der o.g. Arbeitsweisen.
Ein ganz wichtiges Gestaltungsmittel gilt es noch zu erwähnen: Das Licht. Digitale
Bilder haben eine ganz besonders intensive Farbigkeit. Das liegt daran, daß sich mit dem Computer nur reine Farbflächen erzeugen lassen, (d.h., sie vermischen sich
nicht mit einem Träger, wie z.B. Papier oder Leinwand) die, mit dem Licht dahinter, auf dem Monitor besonders leuchtend erscheinen. Es gibt Stimmen, die dafür
plädieren, digitale Arbeiten nur in ihrem originären Medium, dem Computer, zu zeigen. Mittlerweile gibt es jedoch Drucker, die Computerbilder nahezu authentisch wiedergeben.
Ich selbst entdeckte den Computer 1995 als mein ganz persönliches künstlerisches
Ausdrucksmittel. Beruflich hatte ich den Computer bereits zur Gestaltung von Werbemitteln und für Illustrationen (Vektorgrafik) verwendet. 1995 gestaltete ich für eine Druckerei einen Blumenkalender, der eindeutig als
Computerarbeit identifizierbar sein sollte. Auf diese Weise entdeckte ich die Fraktale, die mich fortan nicht mehr loslassen sollten. Ich verwendete eigene Fotos, die
ich am Bildschirm mit Fraktalen weiterbearbeitete. Fraktale lassen sich direkt auf ein Bild oder Foto anwenden und sind wunderbar geeignet, Elemente des Bildes aufzunehmen, zu verstärken und zu
unterstreichen. Der Renderprozess für ein einziges Fraktal dauerte 1995 mit meinem 4/86er ca. 25-60 Minuten. Eine aufwendige, aber auch einzigartige Arbeit.
In der Folgezeit begann ich mich sehr intensiv mit dem Computer zu beschäftigen. Der Beginn
eines nie endenden Lernprozesses. Durch meine Ausbildung und berufliche Erfahrung hatte ich zwar sehr konkrete Vorstellungen, wie mein Bild aussehen sollte, meine Gestaltungswerkzeuge
funktionierten jedoch auf eine ganz andere Weise als die, an die ich gewöhnt war. Hinzu kam, dass ich im Beruf meine künstlerischen Fähigkeiten stets einem bestimmten Ziel
unterzuordnen hatte. Stets war das Produkt der Mittelpunkt meiner Gestaltung. Jetzt nahm ich mir die Zeit, eigene Themen zu visualisieren. Dabei war die realistische Abbildung meiner Umgebungung nie mein Ziel.
Ich versuche bei meinen Bildern stets das Gesehene mit dem Wahrgenommenen zu verbinden, Eindrücke und Gedanken sichtbar zu machen.
Zunächst arbeitete ich mit meinen Fotos, die ich
auseinandernahm, neu zusammenfügte, durch bildeigene und bildfremde Elemente ergänzte und durch verschiedene Filterungsprozesse zu einer völlig neuen Bildaussage
transformierte. Auch die Arbeit mit 3D-Programmen, die Möglichkeit, eine Szenerie nach eigenen Vorstellungen zu konstruieren, zu beleuchten und zu fotografieren, ist
für mich, als Fotografin, sehr reizvoll. Viele dieser Arbeiten wurden 1996/97 im Corel World Design Contest ausgezeichnet.
Im Laufe der Entwicklung tendierte ich jedoch immer stärker zur Abstraktion. Dabei interessiert mich besonders die Erforschung optischer und emotionaler
Möglichkeiten verschiedener grafischer Mittel als rein formales Spiel mit geometrischen Formen und Farbflächen, oder auch die Arbeit mit Fraktalen, die stets
die grafisch visualisierte Lösungsmenge eines komplexen mathematischen Problems darstellen, isoliert von mathematischen Fragestellungen und Inhalten entstehen
jedoch grafische Muster als Momentaufnahme der Unendlichkeit.
Ähnlich wie die Surrealisten und auch einige abstrakte Maler, bevorzuge ich für meine kreativen Prozesse die Technik des Automatismus zur Freisetzung meiner
inneren Bilder. Max Ernst, einer der führenden Surrealisten des 20. Jahrhunderts sagte: “...die Bildlosigkeit eines leeren Blattes kann nur durch einen Mechanismus
der poetischen Inspiration ueberwunden werden.“ In einer beeindruckenden Serie von Frottagen (von 1925) zeigt sich die charakteristische Wechselwirkung von Technik und Inspiration...
Und Paul Klee, einer der bedeutendsten Expressionisten, der ebenfalls mit dem Automatismus experimentierte, sagte: „Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, Kunst
macht sichtbar.“ D.h. er begriff Kunst nicht als Mittel zur Reproduktion der Wirklichkeit, sondern als einen Schöpfungsakt parallel zur Natur.
In dieser Tradition arbeitend generiere ich i. A. eine Serie von inspirierenden, organischen Formen, die ich dann - unter Einbeziehung des Lichts - zu subtilen,
leuchtend transparenten Farbflächen kombiniere, korrigiere und durch gemaltes ergänze. Diese Arbeitsweise ist, obwohl das im Widerspruch zur Bezeichnung
Mathematische Kunst zu stehen scheint, sehr intuitiv. Die Auswahl der (im weiteren Sinne geometrischen) Formen hat sehr viel mit der selektiven
Wahrnehmung zu tun. Teilweise auf Zufall beruhend, ist das Ergebnis dennoch eine sehr individuelle und aussagekräftige Arbeit.
Meine Themen sind zwischenmenschliche Beziehungen, Befindlichkeiten und
gesellschaftliche Zustände.