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Interview mit 2 Schülerinnen aus Norddeutschland
im Dezember 2002, für ein Referat zum Thema “Abstrakte Kunst”
----- Original Message -----
From:
Anne und Lena To: Karin Kuhlmann Sent: Sunday, December 29, 2002 8:16 PM
Moin Karin!
[wir duzen dich jetzt einfach mal, ok?!]
Wir sollen im Rahmen des Kunstunterrichts
ein Referat zum Thema "Abstrakte Kunst" schreiben, und beim Stöbern im Internet sind wir unter anderem auch auf deine Homepage gelangt und waren recht begeistert von deinen am PC angefertigten Bildern
und da haben wir uns gedacht, dass wir dich mit deinen Werken in unser Referat einbinden, so als lebende Künstlerin, weil es ja oft ziemlich öde ist, wenn man zwar bekannte Künstler hat, die allerdings schon
lange nicht mehr leben und naja, so als frischen Wind würden wir dich gerne erwähnen und deswegen möchten wir dir jetzt ein paar Fragen stellen, weil deine biographie nicht so ausführlich ist, wie wir es gerne
hätten, es ist kein Problem, wenn du auf einige Fragen nicht antworten möchtest...:
Wo und wann wurdest du geboren?
Wo hast du deine Ausbildung gemacht?
Wie kamst du zu der Computer-Arbeit?
Hast du schon viel bei dem Corel World Design Contest gewonnen?
Hast du mal ausschließlich mit der Hand Zeichnungen angefertigt?
Wer sind deine Vorbilder?
Könntest du dir ein Leben ohne deinen Beruf vorstellen?
Vielen Dank MfG Anne und Lena
----- Original Message -----
From: Karin Kuhlmann To: Anne und Lena Sent: Sunday, December 29, 2002 8:16 PM Hallo Ihr Beiden,
finde ich nett, daß Ihr Euer Referat mit einem lebenden Künstler beleben wollt. Daher beantworte ich Euch gerne Eure Fragen:
1. Wo und wann wurdest du geboren?
Ich wurde 1948 in Wiedenbrück geboren, bin also 54 Jahre alt.
2. Wo hast du deine Ausbildung gemacht?
Nach der Schule (Abschluß Mittlere Reife) habe ich zunächst eine Fotografenlehre gemacht, die ich nach 3
Jahren (1967) mit der Gesellenprüfung abschloß. Danach arbeitete ich 2 Jahre in der Fotoabteilung der Firma Bertelsmann und begann 1970 ein Studium an der Werkkunstschule Bielefeld, Fachrichtung Grafik Design.
Später, 1988, habe ich noch die Fachhochschulreife erworben, an der Fernuni Hagen Wirtschaftswissenschaften studiert und 1992 vor der IHK Bielefeld die Prüfung zur Fachkauffrau für Marketing abgelegt.
3. Wie kamst du zu der Computer-Arbeit?
Das war ein langer Weg. Zunächst arbeitete ich lange Jahre als Grafikern (von1972-1995) für verschiedene Firmen und
Werbeagenturen und gestaltete Werbemittel aller Art, also Anzeigen, Prospekte, Mailings, etc. und zwar alles per Hand!!! D.h., bevor z.B. ein Prospekt entsteht, muß entschieden werden, was da überhaupt rein
soll: Welche Produkte sollen wie und in welcher Form angeboten werden.
Der Grafiker machte zunächst ein Skribble (auch Layout genannt) vom Prospekt, wie er aussehen könnte. Dieses Skribble diente dann
den Textern und Fotografen als Arbeitsunterlage. Wenn dann alle Fotos und Texte fertig waren, war es Aufgabe des Grafikers eine Druckvorlage (auch Reinzeichnung genannt) zu erstellen. Alle Texte mußten zunächst für
den Setzer ausgezeichnet werden. Der Grafiker bestimmte die Typographie des Textes und mußte genaue Angaben machen über Schrifttyp und Schriftgrad, denn die Texte mußten ja ins Layout passen. Zum Schluß wurde alles,
die gesetzten Texte und die Fotos, auf einem Reinzeichnungskarton aufgeklebt und in die Lithographie zum reproduzieren gegeben. Von den Lithos wurden dann die Platten für den Druck erstellt.
Ca. 1990 hielt
der Computer Einzug in meine Arbeit. Das war eine große Arbeits-Erleichterung, brachte aber auch einen ganzen Berufszweig zum erliegen: Die Setzer wurden nicht mehr gebraucht. Die Schriftgestaltung
erledigte der Grafiker nun selbst am Computer.
Die digitale Kunst ist eine sehr junge Form der Kunst, die man bisher fast ausschließlich im Internet findet. Mit dem Erwerb der ersten PCs in den 90ern
(ergänzt durch entsprechende Grafiksoftware die malen und gestalten mit dem Computer erst möglich machte), begannen auch die ersten Versuche, den Computer als künstlerisches Medium zu nutzen. Und da Kunst auch immer
eine Bühne der Darstellung sucht, wurde das Internet zur Plattform der digitalen Kunst. Sehr schnell entstand hier eine Subkultur, jenseits der üblichen Kunstkanäle. Die Vielfalt und die Qualität der Arbeiten zeigt
eine sehr große Bandbreite und es gibt in diesem Zusammenhang sehr viele verschiedene Begriffe, z.B., computergenerierte Kunst, Computerkunst, Computergrafik, Cyberart, etc., die als Synonyme für Digitale Kunst
verwendet werden.
Die Künstler selbst sind dazu übergegangen, ihre Arbeiten nach der Software zu benennen, mit der sie hauptsächlich arbeiten. Ähnlich wie beim Holzschnitt, dem Aquarell oder der Lithografie,
gibt es in der digitalen Kunst Photopaintings, 3D-Bilder, Vektorgrafik, Mathematische Kunst und Mixed Media.
Photopaintings
entstehen immer mit Foto-Bearbeitungsprogrammen, z.B. Photoshop von Adobe, Photopaint von Corel, Painter von Metacreations, etc. Die Basis der Bilder ist zumeist ein Foto oder auch eine eingescannte Skizze.
Durch digitale Manipulation und Filterungsprozesse wird das Bild bearbeitet und über viele Stufen hinweg in eine völlig neue Form transformiert.
Bei 3D-Bildern verwendet der Künstler ein oder mehrere
3D-Programm(e), z.B. Bryce, Dream 3D, Poser, Raydream, etc., die es ermöglichen fotorealistische Szenen zu erstellen, zu beleuchten und zu "fotografieren", d.h. am Schluß jeder Arbeit steht der
Renderprozeß, der den 3-dimensionalen Raum in ein 2-dimensionales Bild umrechnet.
Vektorgrafiken ermöglichen das Zeichnen mit sog. Bézier-Kurven. Im
Gegensatz zu den eher malerischen Photopaintings entstehen hier völlig pixelfreie Striche und Flächen. Vektorgrafiken werden hauptsächlich für grafisch-gestalterische Arbeiten wie Schriftgestaltung, Animation
und Comics verwendet.
Die mathematische Kunst ist die reinste Form der digitalen Kunst, denn ohne Computer wäre diese Kunstform nicht möglich. Der Künstler verwendet
komplexe mathematische Formeln um damit dynamische Formen, wie z.B. Fraktale, zu generieren die er dann coloriert und digital bearbeitet.
Mixed Media
bezeichnet die Verwendung von mehreren der o.g. Arbeitsweisen.
Ein ganz wichtiges Gestaltungsmittel gilt es noch zu erwähnen: Das Licht. Digitale Bilder haben eine ganz besonders intensive
Farbigkeit. Das liegt daran, daß sich mit dem Computer nur reine Farbflächen erzeugen lassen, (d.h., sie vermischen sich nicht mit einem Träger wie z.B. Papier oder Leinwand) die, mit dem Licht dahinter, auf dem
Monitor besonders leuchtend erscheinen. Es gibt Stimmen, die dafür plädieren, Digitale Arbeiten nur in ihrem originären Medium, dem Computer, zu zeigen. Mittlerweile gibt es jedoch Drucker, die Computerbilder nahezu
authentisch wiedergeben.
1995 entdeckte ich den Computer als mein ganz persönliches künstlerisches Ausdrucksmittel. Beruflich hatte ich den Computer bereits zur Gestaltung von Werbemitteln und für
Illustrationen (Vektorgrafik) verwendet. 1995 gestaltete ich für Mohndruck einen Blumenkalender, der eindeutig als Computerarbeit identifizierbar sein sollte. Auf diese Weise entdeckte ich die Fraktale, die mich
fortan nicht mehr loslassen sollten. Ich verwendete eigene Fotos, die ich am Bildschirm mit Fraktalen weiterbearbeitete. Fraktale lassen sich direkt auf ein Bild oder Foto anwenden und sind wunderbar
geeignet, Elemente des Bildes aufzunehmen, zu verstärken und zu unterstreichen. Der Renderprozeß für ein einziges Fraktal dauerte 1995 mit meinem 4/86er ca. 20-45 Minuten. Eine aufwendige, aber auch einzigartige
Arbeit: Bisher habe ich in den Weiten des Netzes keinen Künstler gefunden, der auf die gleiche Weise arbeitet.
In der Folgezeit begann ich mich sehr intensiv mit dem Computer zu beschäftigen. Der
Beginn eines nie endenden Lernprozesses. Durch meine Ausbildung und berufliche Erfahrung hatte ich zwar sehr konkrete Vorstellungen, wie mein Bild aussehen sollte, meine Gestaltungswerkzeuge funktionierten jedoch
auf eine ganz andere Weise als die, an die ich gewöhnt war. Hinzu kam, daß ich im Beruf meine künstlerischen Fähigkeiten stets einem bestimmten Ziel unterzuordnen hatte. Stets war das Produkt der Mittelpunkt meiner
Gestaltung.
Jetzt nahm ich mir die Zeit, eigene Themen zu visualisieren. Dabei war die realistische Abbildung meiner Umgebungung nie mein Ziel. Ich versuche bei meinen Bildern stets das Gesehene mit dem
Wahrgenommenen zu verbinden, Eindrücke und Gedanken sichtbar zu machen.
Zunächst arbeitete ich mit meinen Fotos, die ich auseinandernahm, neu zusammenfügte, durch bildeigene und bildfremde Elemente ergänzte
und durch verschiedene Filterungsprozesse zu einer völlig neuen Bildaussage transformierte. Auch die Arbeit mit 3D-Programmen, die Möglichkeit, eine Szenerie nach eigenen Vorstellungen zu konstruieren, zu
beleuchten und zu fotografieren, ist für mich, als Fotografin, sehr reizvoll. Viele dieser Arbeiten wurden 1996/97 im Corel World Design Contest ausgezeichnet.
Im Laufe der Entwicklung tendierte ich jedoch immer stärker zur Abstraktion. Dabei interessiert mich besonders die Erforschung optischer und emotionaler Möglichkeiten verschiedener grafischer Mittel, wie zum
Beispiel die Arbeit mit Fraktalen, die stets die grafisch visualisierte Lösungsmenge eines komplexen mathematischen Problems darstellen. Isoliert von mathematischen
Fragestellungen und Inhalten entstehen grafische Muster als Momentaufnahme der Unendlichkeit.
Eine andere Form von Fraktalen findet Verwendung in der Mathematischen
Kunst. Hier werden einzelne dynamische Formen miteinander kombiniert und mit den Möglichkeiten der Bildbearbeitung ähnlich einer Collage zusammengeführt und coloriert. Diese Arbeitsweise ist, obwohl das im
Widerspruch zur Bezeichnung Mathematische Kunst zu stehen scheint, sehr intuitiv. Die Auswahl der (im weiteren Sinne geometrischen) Formen hat sehr
viel mit der selektiven Wahrnehmung zu tun. Teilweise auf Zufall beruhend, ist das Ergebnis dennoch eine sehr individuelle und aussagekräftige Arbeit. Meine Themen sind dabei zwischenmenschliche Beziehungen,
Befindlichkeiten und gesellschaftliche Zustände.
Seit ich meine Arbeiten im September 2000 ins Netz stellte wurde ich Teil einer großen Gemeinschaft. Im Internet gibt es zahlreiche lose Verbindungen und
Gruppierungen von digital arbeitenden Künstlern, die miteinander in Kontakt stehen und Erfahrungen austauschen. Durch das Internet wurde auch das SAPTAKAM möglich, eine globale Zusammenarbeit von 7 Künstlern von 4
verschiedenen Kontinenten. Das Internet ermöglicht eine Form der Kommunikation, die sich auf das Wesentliche beschränkt, d.h., soziale Herkunft, Status, Alter, Geschlecht, Nationalität oder Hautfarbe sind dabei
völlig unbedeutend.
4. Hast du schon viel bei dem Corel World Design Contest gewonnen?
1996 wurden zwei meiner Arbeiten mit "Winner of the Month" ausgezeichnet.
Dafür erhielt ich eine Einladung für 2 Personen nach Kanada (Ottawa) und Sach- und Geldpreise im Gesamtwert von 15.000 kan. Dollar. 1997 erhielten
insgesamt 7 meiner Arbeiten ein "Honorable Mention".
5. Hast du mal ausschließlich mit der Hand Zeichnungen angefertigt?
Vor 1990 immer!!! Ich bin schließlich Grafikerin!
6. Wer sind deine Vorbilder?
Es gibt viele Künstler, die ich sehr schätze und liebe, die aber nicht meine
Vorbilder sind. Ich bin bei meiner Arbeit sehr um Authentizität bemüht und
möchte mir meine Originalität bewahren. Meine Lieblingsmaler sind vor allem Salvador Dalí, Lionel Feininger, Jean Miró, Paul Klee, Wassily Kandinsky, Max Ernst, Yves Tanguy um nur einige zu nennen. Wichtiger
sind für mich bestimmte Schriftsteller, z.B. Kafka, Böll, Brecht, Màrquez, Canetti, Sartre, Wilder, Faulkner, Steinbeck, Dürrenmatt, Frisch, etc. deren Werke Bilder und
Denkprozesse in meinem Kopf erzeugen, die ich dann umzusetzen versuche.
7. Könntest du dir ein Leben ohne deinen Beruf vorstellen?
Nein. Seit ich mit dieser Arbeit begonnen habe, gehe ich täglich mit neuer Freude daran. Ich könnte mir gut vorstellen, dies auch noch mit 80 zu tun, vorausgesetzt ich werde überhaupt so alt
und mein Kopf und die Augen machen das noch mit :-)
So, liebe Anne und liebe Lena, daß ich so viel zu Euren Fragen zu sagen hätte, habt Ihr Euch wahrscheinlich gar nicht vorgestellt. Ich hoffe jedoch,
daß es Euch zu einem Super-Referat und somit zu einer Super-Note verhilft. Ich drücke Euch jedenfalls beide Daumen.
Laßt mal hören, wie's gelaufen ist!
Viele liebe Grüße Karin Kuhlmann
----- Original Message -----
From: Anne und Lena To: Karin Kuhlmann Sent:
Sunday, June 15, 2003 3:52 PM
Moin Karin!
Wir hatten ja am Ende des letzten Jahres um ein Interview mit dir gebeten, wofür wir uns nochmals bedanken möchten; dieses Interview haben wir dann
für unser Kunstreferat über abstrakte Kunst verwendet. Da du uns darum gebeten hattest, dass wir uns melden mögen, wenn wir die
Note dafür bekommen haben, tun wir dieses nun. Eigentlich war es so geplant, dass wir das Referat zuerst in einer Mappe abgeben sollten und es danach (im 2. Schulhalbjahr) vortragen sollten, doch da es
unserer Lehrerin aus Krankheitsgründen nicht gelungen ist, noch Zeit für das Vortragen der Referate einzuplanen, haben wir nur die Mappe abgegeben, die allerdings mit 1 bewertet wurde, worüber wir uns sehr gefreut
haben. Unsere Kunstlehrerin war von der Idee mit dem Interview sehr angetan.
Deshalb sagen wir nochmals "Vielen Dank!" für das Interview und verbleiben mit freundlichem Gruß
Anne und Lena
----- Original Message -----
From: "K. Kuhlmann" Karin Kuhlmann To: Anne und Lena Sent: Sunday, June 15, 2003 4:03 PM
Moin ihr Beiden,
das freut mich aber auch sehr! Eine 1 ist schon echt Super!
Herzlichen Glückwunsch und liebe Grüße Karin Kuhlmann
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